ARME SCHWEINE

Amtstierärzte sollen kontrollieren, dass Tierbetriebe ordentlich arbeiten. Decken sie jedoch Missstände auf, werden die Veterinäre angefeindet und bedroht.

REPORT – DIE ZEIT 24/2018

Am Ende wusste Petra Weber keinen anderen Ausweg mehr, als sich krankschreiben zu lassen – das Spiel wollte sie nicht mehr mitspielen. Jetzt sitzt die promovierte Tierärztin zu Hause, statt zu kontrollieren, ob Schweine, Rinder oder Hühner verletzt in ihren Ställen liegen. "Unwahrscheinlich frustrierend ist das", sagt sie. 

Vor wenigen Monaten hat Webers Karriere ein jähes Ende genommen: Bis dahin hatte sie eine Führungsposition in einem Veterinäramt in einem deutschen Landkreis. "Heute bin ich gerade noch eine bessere Sekretärin", sagt sie. "Ich darf nichts mehr entscheiden." Wo genau sie arbeitet und wie Petra Weber wirklich heißt, das darf nicht in der Zeitung stehen. Weil die Tierärztin Angst hat. Angst, gegen die sogenannte Loyalitätspflicht zu verstoßen, die sie als Beamtin gegenüber dem Staat hat. Angst, darüber ihren Pensionsanspruch zu verlieren. Wer als Whistleblower auf Missstände bei seinem Arbeitgeber hinweist, hat in Deutschland viele Nachteile. Deshalb spricht sie nur anonym.

Die Geschichte der Tierärztin Petra Weber ist beispielhaft für die Missstände im deutschen Tierschutzvollzug. Als Amtstierärztin war es ihr Job, auf Schlachthöfen, bei Landwirten oder etwa bei privaten Hundehaltern zu kontrollieren, ob diese die Tierschutzgesetze einhalten. "Eine der Besten" sei sie gewesen, sagen Tierschützer. Doch das ist vorbei, seit ihr neuer Chef sie versetzt hat. Sie darf das Büro nur noch selten verlassen. Landwirtschaftliche Betriebe darf sie gar nicht mehr besuchen, soll nicht einmal mehr mit ihren Kollegen darüber sprechen. "Ich wurde kaltgestellt", so nennt Weber das.

Damit ist sie nicht allein. Der ZEIT liegen acht Aussagen von Amtsveterinären vor, weitere Fälle hat die ZEIT anhand von Gerichtsunterlagen ausgewertet. Gegen die Zusicherung von Anonymität erzählen die Veterinäre, wie schwer ihnen ihre Arbeit gemacht wird. Sie berichten von Morddrohungen, von Mobbing, von willkürlich anmutenden Versetzungen und politischer Einflussnahme. Die Berichte deuten darauf hin, dass es in Deutschland ein Vollzugsdefizit gibt, das von den Behörden nicht nur in Kauf genommen, sondern gefördert wird. MEHR

 

HANDWERKER HABEN'S AUCH NICHT LEICHT

Kunden klagen über lange Wartezeiten und hohe Preise am Bau. Dabei sind die Betriebe gar nicht allein schuld daran.

REPORT – DIE ZEIT 09/2018

Für Karl-Hermann Kliewe lief es auch schon mal besser. Da prügelten sich die Handwerker beinahe um seine Aufträge. Schließlich leitet Kliewe im thüringischen Jena die kommunale Immobilienfirma KIJ und kann jedes Jahr Dutzende Millionen Euro für Neubauten, Sanierungen oder Renovierungen ausgeben. "Früher haben wir für eine Ausschreibung 15 oder 17 Bewerbungen bekommen, heute sind es manchmal noch drei", sagt er.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Stadion. Das Fußballstadion am Ernst-Abbe-Sportfeld soll ein Flutlicht bekommen, eines, das hell genug für die zweite und dritte Liga ist. Kliewe musste die erste Ausschreibung zurückziehen, weil die Preisvorstellungen der wenigen Bewerber weit über den seinen lagen. Seither ist das Thema in der Ostthüringer Zeitung ein Dauerbrenner. Kliewe drohte Anfang Dezember dem späteren Auftragnehmer sogar damit, ihm den Auftrag zu entziehen, weil sich der Bau verzögerte. 

Kliewe glaubt, dass viele Handwerker sein Geld nicht brauchen. "Manche Firmen haben es nicht mehr nötig, jede Ausschreibung zu bedienen", sagt er. "Die wenigen Angebote, die dann reinkommen, sind sehr gut kalkuliert. Man merkt an den Preisen, sie wollen den Auftrag nicht unbedingt haben." MEHR

 
 

DER TRÄUMER

Der britische Fondsmanager Steve Dagworthy flog als Betrüger auf und musste ins Gefängnis. Heute berät er inhaftierte Wirtschaftskriminelle.

PORTRÄT – DIE ZEIT 43/2017

In schwarzen Halbschuhen mit Quasten klackert Steve Dagworthy über den Asphalt. Der kleine Mann geht nicht einfach, er stolziert, er bewegt sich, als wäre er noch immer der, der wahlweise Jaguar oder Ferrari fährt, Schuhe von Gucci trägt, einen Tennis- und einen Hubschrauberlandeplatz im Garten hat. Er steigt in sein Auto, schiebt die Sonnenbrille zurück auf die Nase, obwohl es seit Stunden regnet. In einem schwarzen Alfa Romeo fährt er durch die schmalen Straßen der britischen Grafschaft Essex. Er ist auf dem Weg zu dem Ort, an dem er sein altes, luxuriöses Leben hinter sich lassen musste: dem Gefängnis der Stadt Chelmsford. Dagworthy hat ein schwarzes Headset im Ohr, die rechte Hand am Lenkrad. Viertelstündlich klingelt sein Telefon, das Hintergrundbild zeigt ein Foto von seiner Frau und den beiden Kindern, geschossen in Dubai, in besseren Zeiten, in einem Luxushotel.

Der 52-Jährige wurde 2009 wegen Anlagebetrug verurteilt, zu sechs Jahren Gefängnis. Die Hälfte musste er absitzen, den Rest der Strafe verbüßte er unter strengen Auflagen draußen, wie in Großbritannien üblich. Heute verdient er sein Geld damit, andere verurteilte Kriminelle vor und während ihrer Zeit im Gefängnis zu beraten. Seine Firma heißt Prison Consultants. Sein Angebot: ein Survival-Guide für das Leben hinter Gittern. MEHR

DIE ZUKUNFT DER PREISE 

Jeder Kunde zahlt das Gleiche? Das war einmal. Mit den Daten ihrer Kunden erfinden Unternehmen neu, wie Preise gemacht werden.

ESSAY – ZEIT CAMPUS 01/2016

Liebe hat ihren Preis – doch der ist nicht für alle gleich. Da ist zum Beispiel Peter. Er arbeitet als Berater, ist 35 Jahre alt und Single. Das will er ändern und meldet sich bei einer Dating-Seite an. Er klickt sich durch einen langen Fragebogen, gibt sein Hobby an ("Segeln"), seine Lieblingsmusik ("Oper") und sein Einkommen. All das, so heißt es, solle helfen, den perfekten Partner für ihn zu finden. Peter sieht keinen Grund, daran zu zweifeln. Nach einer halben Stunde hat er alles beantwortet. Erst jetzt wird ihm der Preis angezeigt, den ihn die Mitgliedschaft kosten wird: 23,92 Euro pro Monat.

Auch Lena klickt sich durch die Fragebögen der Website. Die Studentin ist 22, bezieht Bafög und hat einen Nebenjob. Sie macht gerne Yoga, mag Indie-Rock und wohnt in Berlin-Neukölln. Auch ihr wird der fällige Mitgliedsbeitrag erst genannt, als sie alle Fragen ausgefüllt hat. Die Kosten für sie: 9,31 Euro pro Monat.

Wenn Peter und Lena einen Kaffee trinken gehen oder eine Kiste Wasser im Supermarkt kaufen: Immer zahlen sie für das gleiche Produkt den gleichen Preis. Bei der Dating-Website ist das anders. Peter muss mehr als doppelt so viel zahlen – und wird das wohl nicht bemerken. MEHR

 

UND WANN STRAHLST DU?

An Altem festzuhalten hält uns zurück. Hält uns ab vom Glücklich sein und weiterkommen. Wieso verharren wir dann, wenn wir längst zu Neuem aufbrechen müssten? Ein Plädoyer für Neuanfänge, erzählt in fünf Popsongs. 

ESSAY – BLONDE MAGAZINE 02/2017

THIS IS OUR DECISION TO LIVE FAST AND DIE YOUNG. WE’VE GOT THE VISION, NOW LET’S HAVE SOME FUN. YEAH IT’S OVERWHEL­ MING, BUT WHAT ELSE CAN WE DO? GET JOBS IN OFFICES AND WAKE UP FOR THE MORNING COMMUTE?“ – Time to pretend, MGMT (2007)

Wisst ihr noch, wer ihr sein wolltet in dem Sommer nach dem Abi? Damals, als ihr noch nicht zu Handlangern eines erwachsenen Ichs abgestellt wurdet, um langweili­ gen Dingen wie dem Geldverdienen eure Zeit zu opfern, weil man auf einmal Miete, Essen, Klamotten bezahlen musste? Damals, als man „live fast, die young“ noch für ein sinnvolles Motto hielt? Als man sich noch nicht nach Ruhe sehnte, nach einem Zu­hause? Wer sich solche Fragen stellt, muss sich darauf gefasst machen, dass das Bild von dem jungen, rastlosen Ich nur eine verklärte Momentaufnahme sein könnte. Aber nicht alles, was einem in der Erinnerung schön vorkommt, ist es tatsächlich auch. Ein Idealbild, das nicht mehr zu den realen Lebensverhältnissen passt – von dem mazedo­nischen Rotwein für 1,29 Euro würde einem heute schließlich nurmehr schlecht. Wer neu anfangen will, muss sich klarmachen, wo er die Machete ansetzt: Wer ist das wahre Ich, das noch unversklavt vom Leben ist? Inwiefern hat es sich weiterentwickelt, wo korrumpieren lassen? Und von was? Klar ist: Wer etwas ändern will, muss zuerst einen Besuch auf dem Seelenschrottplatz unternehmen – und Recycelbares von Plastiktand trennen. MEHR

 

BASTI, MEIN RETTER

In den Semesterferien fährt unsere Redakteurin nach Kiel. Blöde Idee: Es ist nichts los. Dann taucht dieser Typ in Leopardenjacke auf.

REPORTAGE – ZEIT CAMPUS 06/2014

Es ist stickig, es ist eng, über die Boxen läuft eine fürchterliche Technoversion von Blurs Song 2 – und ich bin euphorisch. In dieser Großraumdisco in Kiel fühle ich mich, als wäre ich noch mal 15 Jahre alt und zum ersten Mal an einem Türsteher vorbeigekommen. Ein Typ in Leopardenjacke steht vor mir an der Bar und bestellt Bier und Schnaps. Lärm, Lichter, Menschen, Schweiß: Weil ich eigentlich gar nicht hier sein dürfte, wird mich in dieser Nacht nichts mehr auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

 

Dass ich mich heute Nacht so überschwänglich fühlen werde, ahne ich nicht, als ich 17 Stunden vorher in Kiel aus dem Bahnhofsgebäude trete. Der salzige Ostseewind bläst mir ins Gesicht. Ein pubertärer Punk trägt einen blau-grünen Iro – und Werbetafeln eines Pfandleihhauses über den Schultern. MEHR

 

ES IST WIE IM MÄRCHEN

Saša Stanišić kam als Kriegsflüchtling nach Deutschland und wurde einer der erfolgreichsten jungen Schriftsteller des Landes. Wie hat er das geschafft?

INTERVIEW – ZEIT CAMPUS 01/2016

Saša Stanišić, 36, hat in diesem Jahr schon knapp hundert Lesungen hinter sich gebracht, genau weiß er das nicht mehr. Für seinen zweiten Roman "Vor dem Fest" hat er den Preis der Leipziger Buchmesse 2014 gewonnen. Sein Debüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert" war zuvor in 31 Sprachen übersetzt worden. Wir treffen uns morgens um halb elf in der Zeughaus-Mensa in Heidelberg. Hier hat Stanišić Slawistik und Deutsch als Fremdsprache studiert. Am Morgen hat er bereits mehrere Folgen der Serie "The Walking Dead" gesehen. So erhole er sich von neuen Leuten auf der Lesereise, von dem regionalen Essen und vom Bier, sagt er. Kaum läuft das Tonband, fängt Saša Stanišić an zu meckern.

 

Saša Stanišić: Es ist wie damals, lauter schlecht angezogene Studenten hier.

ZEIT Campus: Na ja, so schlimm ist es doch gar nicht.

Stanišić: Stimmt, es ist irgendwie besser geworden. Wie ich früher hier rumgelaufen bin ... aber ich hatte einfach wahnsinnig wenig Geld damals. Und ich mochte Grunge.

ZEIT Campus: Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Stanišić: Zuerst als Aushilfsgärtner, ich habe bei reichen Heidelbergern die Hecken geschnitten und die Villen gelüftet, wenn sie im Urlaub waren. Außerdem habe ich im Café Burkhardt gejobbt, da waren morgens Omas und abends Studenten, am Wochenende Odenwälder Dauerwellen.

ZEIT Campus: Blieb da genug Zeit zum Studieren?

Stanišić: Mir ist das Studium nie schwergefallen. Mit ein bisschen Arbeit kam ich durch. Drei, vier Stunden am Tag lernen haben gereicht.

ZEIT Campus: Sie sind mit 14 Jahren vor dem Jugoslawienkrieg aus Bosnien geflohen. Heidelberg war Ihre erste Station in Deutschland. Wie war die Ankunft?

Stanišić: Meine Mutter und ich hatten eine lange Reise hinter uns. Erst wurden wir in München am Flughafen eine Nacht lang festgehalten und wussten nicht, ob sie uns überhaupt reinlassen. Dann fuhren wir mit dem schnellsten Zug der Weltgeschichte nach Heidelberg. So habe ich das empfunden. MEHR

 

HÄNGEN SIE BILDER AUF!

Frauen, die verhandeln, wirken unsympathisch. Die Verhaltensökonomin Iris Bohnet erklärt, woran das liegt und mit welchen Tricks sich Vorurteile leichter überwinden lassen.

INTERVIEW – DIE ZEIT 36/2017

DIE ZEIT: Frau Bohnet, Sie forschen seit zehn Jahren zur Gleichberechtigung – und Sie haben selbst schon lange Personalverantwortung. Wann haben Sie zuletzt eine Frau benachteiligt?

Iris Bohnet: Ich glaube, das passiert mir nicht mehr. Ich war aber schon kurz davor. Ich musste als Dekanin in Harvard eine neue Professorin einstellen. Beim Vorstellungsgespräch habe ich ihr ein Gehaltsangebot gemacht, das einige Tausend Dollar unter meinem maximalen Spielraum lag. Ich rechnete damit, dass sie nachverhandeln würde – hat sie aber wie so viele Frauen nicht getan. Mir war das so unangenehm, ich habe sie angerufen und gesagt, ich könne ihr noch mehr zahlen.

ZEIT: Wie gehen Sie heute vor?

Bohnet: Ich versuche, die Ambivalenz aus der Verhandlung zu nehmen, und teile mit, was verhandelbar ist. Ich kann natürlich nicht sagen: "Wenn ich Sie wäre, würde ich jetzt mal 10.000 Euro mehr verlangen." Aber Frauen verhandeln eher, wenn man ihnen das Recht dazu gibt. Also zeige ich auf, an welchen Punkten es sich zu verhandeln lohnt.

ZEIT: Studien zeigen, dass Frauen, die verhandeln, unsympathisch wirken. Woran liegt das? MEHR